Warum das klassische Anschreiben zunehmend an Bedeutung verliert

Facebook
Twitter
LinkedIn
Email
Print

Das Anschreiben galt lange als Herzstück jeder Bewerbung. In der Schweiz hat es einen besonderen Stellenwert: Wer sich bewirbt, soll zeigen, dass er oder sie motiviert ist, sich mit dem Unternehmen auseinandergesetzt hat und die Sprache beherrscht, in der später kommuniziert wird, schriftlich wie gedanklich. Gleichzeitig wird genau dieses Element in der heutigen Bewerberkommunikation zunehmend zum Problem: Es ist zu einfach geworden, ein „gutes“ Anschreiben zu schreiben.

Was früher echte Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber bedeutete, kann heute mit wenigen Klicks automatisiert generiert werden. Künstliche Intelligenz wie ChatGPT, Gemini oder Claude schreiben fehlerfreie, stilistisch sichere und formal überzeugende Texte. Der HR-Fachperson am Bildschirm bleibt dann vor allem eine Frage: Ist dieses Schreiben Ausdruck echter Motivation – oder das Produkt eines gut gefütterten Prompts?

KI schreibt überzeugend – aber selten authentisch

Künstliche Intelligenz verändert nicht nur, wie Unternehmen rekrutieren, sondern auch, wie Bewerbende sich präsentieren. Das klassische Anschreiben ist davon besonders betroffen. Wo früher der Sprachstil oder die Struktur Rückschlüsse auf Engagement, Persönlichkeit und Selbstreflexion zuliessen, ist heute eine „sprachliche Glätte“ eingezogen, die kaum noch Schwächen zeigt. Aber auch kaum noch Menschen.

Die Herausforderung für HR liegt darin, den Unterschied zu erkennen. Und der ist subtil. Viele Anschreiben klingen heutzutage „gut“ – aber sie sind beliebig. Austauschbar. Eine Ansammlung generischer Floskeln ohne echten Bezug zum Unternehmen oder zur konkreten Stelle. Ein Beispiel:


„Mit grossem Interesse habe ich Ihre Stellenanzeige gelesen und bewerbe mich hiermit als Sachbearbeiter:in. Ihr Unternehmen überzeugt mich durch seine Innovationskraft und die spannenden Entwicklungsmöglichkeiten. Ich bin überzeugt, dass ich meine Stärken im Team optimal einbringen kann.“

Generisches KI-Anschreiben (gekürzt)

Ein solches Schreiben ist formal korrekt, aber nichtssagend. Es könnte an jede Firma in jeder Branche gehen – ohne dass der Inhalt auffallen würde. Genau darin liegt das Risiko: HR erhält immer öfter Bewerbungen, bei denen sich die Person hinter dem Text nicht mehr erkennen lässt. Und das Anschreiben verfehlt damit seinen ursprünglichen Zweck.

Persönliche Note statt Sprachkunst

Der Unterschied zeigt sich dort, wo echte Auseinandersetzung stattgefunden hat. Persönliche Bezüge, Reflexion, Bezug zur Aufgabe oder zum Unternehmen sind Merkmale eines authentischen Schreibens – unabhängig davon, ob es mit oder ohne KI verfasst wurde. Denn ja: Auch KI kann nützlich sein, wenn sie mit persönlichem Input gefüttert wird. Entscheidend ist nicht, ob das Anschreiben „echt“ oder „automatisiert“ ist – sondern, ob es persönlich ist.

„Was mich an Ihrer Stelle besonders anspricht, ist die Schnittstelle zwischen Kundenkontakt und technischer Präzision. Ich bin in den letzten Jahren beruflich gewachsen, indem ich genau solche Rollen übernommen habe – zuletzt im Gesundheitswesen, wo schnelle Reaktionsfähigkeit und klare Kommunikation entscheidend waren. Ihre Position bei der XY AG gibt mir das Gefühl, mein Profil nicht nur einzusetzen, sondern gezielt weiterzuentwickeln.“

Personalisierter Textauszug (gekürzt)

Solche Texte entstehen nicht zufällig. Sie verlangen Beschäftigung mit der Stelle – und mit sich selbst. Auch mit KI als Werkzeug bleibt diese Vorarbeit notwendig. Und genau darin liegt künftig der entscheidende Unterschied: nicht ob KI beteiligt war, sondern wie viel Eigenleistung im Inhalt steckt.

Wie HR den Unterschied erkennt – und reagieren kann

Die klassische Vorstellung, dass ein gutes Anschreiben automatisch Rückschlüsse auf Motivation und Qualität erlaubt, ist im Umbruch. HR-Fachpersonen müssen neue Wege finden, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Die gute Nachricht: Das geht. Es erfordert jedoch ein bewusstes Umdenken.

Wer den Unterschied verstehen will, sollte sich fragen: Was erfahre ich über die Person durch dieses Schreiben – ausser, dass sie sich bewerben will?

Ein generisches Schreiben ist meist leicht zu erkennen. Es enthält viele wohlklingende, aber inhaltsleere Floskeln, übernimmt häufig Wortlaute aus der Stellenanzeige und bleibt auf der Ebene der Absichtserklärungen („Ich bin überzeugt …“, „Ich würde mich freuen …“) stehen. Oft fehlt jeglicher Bezug zu konkreten Aufgaben, zu den Anforderungen oder zur Unternehmenskultur.

Hilfreich ist ausserdem der Abgleich mit dem Lebenslauf: Gibt es eine inhaltliche Linie zwischen dem bisherigen Werdegang und dem, was im Anschreiben formuliert wird? Passt die Motivation zur Realität der Position? Oder wurden einfach allgemeine Argumente an eine Position „angeschraubt“?

Zunehmend orientiert sich die Qualität der Bewerbung nicht mehr an der Schönheit der Sprache, sondern an der Kohärenz zwischen Lebenslauf, Anschreiben und Interview. Das Schreiben kann dabei als Ausgangspunkt dienen – aber es darf nicht überbewertet werden.

KI-Detektion – (noch) keine Lösung

Es gibt erste Versuche, mit Tools wie GPTZero, Originality.ai oder Copyleaks KI-Texte zu erkennen. Doch diese Programme sind auf den englischsprachigen Raum zugeschnitten und liefern bei deutschsprachigen Texten aktuell keine verlässlichen Ergebnisse. Ein hoher „KI-Anteil“ bedeutet nicht zwangsläufig fehlende Qualität – und eine „menschlich geschriebene“ Bewerbung kann ebenso floskelhaft und austauschbar wirken.

Im Schweizer Arbeitsumfeld ist eine technische Prüfung von Anschreiben auf KI-Nutzung aktuell nicht praktikabel. Der Fokus sollte daher nicht auf der Detektion, sondern auf der Inhaltsqualität liegen.

Das klassische Anschreiben bleibt – aber anders gelesen

Die Konsequenz für HR ist nicht, das Anschreiben abzuschaffen. Es bleibt ein wertvoller Teil der Bewerbung – wenn man es richtig einordnet. Als Beleg für Motivation. Für sprachliche Präzision. Und für den Willen zur Auseinandersetzung mit dem zukünftigen Arbeitgeber. Nicht als Beweis für Schreibkunst oder perfekte Formulierungen.

Bewerbende, die sich tatsächlich mit der Stelle und dem Unternehmen beschäftigen, stechen auch im Zeitalter von KI positiv hervor – gerade weil so viele Anschreiben inzwischen generisch wirken.

Was sich verändert, ist die Gewichtung: Lebensläufe und berufliche Stationen gewinnen an Bedeutung. Arbeitsproben und konkrete Projekterfahrungen zeigen mehr über Potenzial als blumige Sätze. Interviews werden zum zentralen Ort, um Haltung, Reflexion und Motivation wirklich sichtbar zu machen.

Ein starkes Anschreiben ist also keines, das perfekt klingt – sondern eines, das zur Person passt.

Fazit: Echtheit schlägt Eleganz

Das klassische Anschreiben verliert nicht an Bedeutung, weil es überflüssig wäre – sondern weil es zu leicht gut klingt. Genau deshalb ist es für HR wichtig, einen neuen Blick auf dieses Element der Bewerbung zu werfen. Die Frage ist nicht mehr: „Klingt das überzeugend?“
Sondern: „Erkenne ich die Person hinter dem Text?“

Wenn das gelingt, wird das Anschreiben wieder zu dem, was es ursprünglich sein sollte: Ein Türöffner. Nicht weil es sprachlich perfekt ist – sondern weil es echt ist.